Geschichtsverein Rösrath
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Venauen
Rösrather Denkmal des Monats November 2013

Ein Adelssitz in der Flussaue
Vom 9. Jahrhundert an beeinflussten im Zuge der fränkischen Besiedlung menschliche Aktivitäten wie Rodungen zunehmend die natürliche, ursprünglich vermutlich stark mäandrierende Flusslandschaft, die ein breites Profil mit intensivem Auwaldbewuchs aufwies. Die Rodungen führten zur Aufhöhung des Niveaus der Flussaue. Nachweislich hat Peter von Bellinghausen 1555 „einen neuen Seeß anfangen zu bauen, genannt Finawen“. Ob es sich dabei um einen Umbau oder einen Neubau gehandelt hat, wissen wir nicht mit Sicherheit. Da vorher kein Rittersitz an diesem Platz erwähnt wird, darf man wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es auch keine Vorgängerbauten gegeben hat. Die Adeligen im unteren Sülztal holten 1672 Augustinermönche nach Rösrath, um eine bessere seelsorgerische Betreuung der Katholiken zu gewährleisten, die seit der Reformation die Kirche in Altenrath besuchten. Im 19. Jahrhundert ging Venauen in den Besitz von Bürgerlichen über. 1896 erwarb Felix Mayer das Anwesen, der mit seiner Gattin Kathinka geb. Neven DuMont den bescheidenen barocken Gutshof in ein repräsentatives Gebäude verwandelte. Bedeutende Persönlichkeiten im kleinen Venauen waren u.a. Bürgermeister Franz Wilhelm Gammersbach, der seinen Amtssitz von Rambrücken nach Venauen verlegte und dessen Enkel Gustavus Adolphus Finkelnburg Kongressabgeordneter in den USA wurde, der hochgebildete Politik-Professor Wilhelm Hasbach und der bekannte deutsche Architekt Heinrich Müller-Erkelenz, der Haus Venauen im Auftrag von Felix Mayer im Zeitgeschmack zu einem sog. „Rittersitz“ umbaute.

NSV-Gauschule und „rassistische Volkspflege“
Graf Franz Karl Beissel von Gymnich veräußerte Venauen an die Nationalsozialisten, die das Haus in 1937/38 zu einer Gauschule für die NSV, die Wohlfahrtsorganisation der NSDAP umgestalteten. Die Gauschule wurde am 6. Mai 1938 mit beträchtlichem Aufwand durch Gauleiter Staatsrat Joseph Grohé eingeweiht. Den Schulungsbetrieb, in dem die rassistische Wohlfahrtspolitik des Nationalsozialismus gelehrt wurde, hielt man bis 1943 aufrecht. Danach war Venauen bis Kriegsende 1945 ein Mutter-Kind-Heim. Auch wenn es den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, die freie Wohlfahrtspflege von Caritas, Innerer Mission und Rotem Kreuz völlig auszuschalten, so verstanden sie es doch, diese Konkurrenten stark einzuschränken und ihre eigene führende Rolle erfolgreich zu inszenieren.

Athenée Royal
Als nach den Amerikanern auch die Briten Haus Venauen verlassen hatten, kamen 1946 die Belgier nach Rösrath: zunächst als Besatzung, bald darauf als NATO-Partner. Sie gründeten in Venauen das Athénée Royal, eine Höhere Schule mit Internat, errichteten Schulpavillons im rheinischen Fachwerkstil, Kino und Kantine, ließen das Haus jedoch weitgehend unberührt, die Spruchtafeln aus der NS-Zeit inbegriffen.

Ein neuer Geist
Ganz im Gegensatz zur unmenschlichen Ideologie der NSV-Gauschule steht die 2005 in Nebengebäuden von Haus Venauen eingerichtete Martin-Luther-King-Schule, ein pädagogischer Schutzraum, in dem jeder als Persönlichkeit mit seinen spezifischen Problemen angenommen, respektiert und ebenso behutsam wie konsequent mit den Regeln des Lernens und des Zusammenlebens vertraut gemacht wird. Ein dunkelhäutiger Bürgerrechtler als Namenspatron dieser Schule ist da kein Zufall.

Was bleibt
Nach Abzug der Belgier im Jahre 2003 wurde Venauen Schauplatz für Tatort-Dreharbeiten, aber auch für heiße Diskussionen zum Thema Denkmalschutz. 2012 entstand eine hochwertige Wohnanlage – die Dreiflügelanlage von Haus Venauen blieb erhalten. Was sich die Denkmalschützer noch gewünscht hätten, wird im Band 43 der Schriftenreihe des Geschichtsvereins Rösrath dargestellt, der auch die gesamte Geschichte von Haus Venauen erzählt.



Literatur
Klaus-Dieter Gernert: Venauen. Vom Wandel eines Rittersitzes: Adelssitz - Großbürgerliche Villa - NSV-Gauschule - Athénée Royal - Wohnpark. Rösrath 2013. ISBN 978-922413-66-0 (Band 43 der Schriftenreihe des Geschichtsvereins Rösrath, 136 Seiten, 175 Abb., erhältlich ab 14.11.2013 im Buchhandel und beim Geschichtsverein Rösrath)


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