Alte Post Forsbach

Fast die gesamte „Infrastruktur“ des alten Forsbach scheint sich im Ortsteil „Wiesgen“ konzentriert zu haben, wie wir bereits erwähnten. Und so wundert es nicht, dass sich hier – an der Einmündung des Rosenwegs in die Bensberger Straße – auch die alte Forsbacher Post befand. Aus der Familiengeschichte des ersten Forsbacher Posthalters berichtet seine Urenkelin, Gotho Siewert:

„Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Forsbach eine Postagentur eingerichtet werden sollte, bewarb sich mein Urgroßvater, der Grubenschreiner Franz Kraus, geb. 1859, um die Stelle des Posthalters. Am 20. Mai 1894 wurde in dem Haus Bensberger Straße 334 (heutige Anschrift) die erste Poststelle eingerichtet und das erste Telefon installiert. Zu den Aufgaben des Posthalters gehörte auch das Austragen der Post. Als Franz Kraus Posthalter wurde, konnte er einen Postboten ernennen und vom Postamt Hoffnungsthal bestätigen lassen: Bruno Hausmann.

Das alte Häuschen am Wiesgen wurde bald zu klein, und auf das Drängen seiner beiden Töchter „Papa, du mußt anbauen!“ reagierte Franz Kraus: „Nein, ich baue nicht an, ich baue neu!“ Am 21. Oktober 1901 erhielt der Posthalter die Bauerlaubnis für ein Haus, in dem die Großfamilie, die Poststelle und ein Kolonialwarenladen Platz hatten, das heutige Haus 332 an der Bensberger Straße. Der große Umzug fand 1912/13 statt. Im neuen Haus führte mein Urgroßvater die Poststelle weiter, bis er sich im Juli 1936 mit 77 Jahren zur Ruhe setzte.

Zum 40jährigen Dienstjubiläum 1934 gratulierten nicht nur das Postamt Hoffnungsthal und der Verkehrsverein, sondern auch Reichspräsident Hindenburg. Meine Mutter ist auch heute noch „dat Post-Inge“, und mich selbst kennen die alten Forsbacher als „dem Post-Inge sing Mädche“.

Da die Post weiter wie ein Familienbetrieb geführt wurde, wechselte das Postamt 1936 auf die gegenüberliegende Straßenseite in das Haus der Familie Schwidder (Bensberger Straße 329), die das Postamt übernahm. Alle Postdienste, vom Zustellen der Briefe und Päckchen, dem Verkauf von Fahrkarten für die Kraftpost bis zur Auszahlung der Renten, wurden von Vater, Mutter und Tochter Schwidder sorgsam ausgeführt. Nach dem Ruhestand der Eltern 1956 versah Irmgard Rautenbach geb. Schwidder weitere fünf Jahre den Dienst bei der Post. Wie sie erzählt, gelang es dabei nicht immer, die Schalterstunden genau einzuhalten, wussten die Forsbacher doch, dass man bei Schwidders auch schnell zwischendurch Briefmarken bekam. Das öffentliche Telefon hatte ohnehin einen zweiten Anschluss in Schwidders Küche und wurde abends einfach umgesteckt. Irmgard Rautenbach erinnert sich, wie der spätere Wirt Werner Müllenbach, der ja Sänger an der Kölner Oper war, allabendlich telefonierte, um die Probentermine für den nächsten Tag abzufragen.

Während des Krieges wurde der Postsack zuerst einmal auf Feldpost durchgesehen. Die Postleute wussten genau, in welcher Familie man sehnlichst auf einen Brief von der Front oder aus der Gefangenschaft wartete. War ein solcher Brief dabei, wurde er vorweg zugestellt.

Hilfe bekam Familie Schwidder bei der Bewältigung des immer umfangreicher werdenden Postdienstes u.a. von Paula Lohmar, mit der sich Irmgard Rautenbach heute noch trifft, um gemeinsame Erinnerungen auszutauschen.

Welch große Rolle für die Forsbacher die Post spielte, davon weiß auch Paula Lohmar zu berichten: Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war sie Witwe geworden und war nun mit ihrer Tochter ganz auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Als ihr die Möglichkeit geboten wurde, in Forsbach bei der Post zu arbeiten, griff sie beherzt zu. Schließlich wurde auch noch der Hauptbriefträger eingezogen. Jetzt besorgte sie zusammen mit Johanna Kanne die ganze Post. Täglich, auch sonntags, mussten Briefe und Päckchen am Forsbacher Bahnhof abgeholt werden. Wenn es dem Schaffner nicht gelungen war, während der Haltezeit des Zuges alles hinauszubefördern, warf er die restlichen Pakete kurzerhand aus dem anfahrenden Zug auf den Bahndamm. Bereits um 13.00 Uhr wurde die Post aus Forsbach auf den Weg gebracht. Oftmals kämpfte sich Paula Lohmar mit ihrem schwer bepackten Postrad durch Schnee und über vereiste Wege. Und sie ärgerte sich, wenn sie den „Westdeutschen Beobachter“ zum einsam gelegenen alten Forsthaus bringen musste. „Im Brendgen habe ich oft das Fahrrad in den Schnee geworfen und bin zu Fuß gelaufen. Nur für dieses Blatt!“ Doch unvergleichlich schwieriger war Paula Lohmars Aufgabe, wenn ein Gestellungsbefehl zu überbringen war oder gar die Nachricht, dass Sohn oder Ehemann gefallen waren. „Später hat dies dann die Partei übernommen“.

„Einmal hat ein junger Forsbacher einen Film besucht, der erst ab 18 zugelassen war. 10 Mark Strafe sollten die Eltern zahlen. Eine Woche später erhielt der gleiche junge Mann den Gestellungsbefehl. Der Vater hat die Strafe nie gezahlt. Der Junge ist aus dem Krieg nicht wieder zurückgekommen.“

„An einem Sonntagmorgen hatte ich Dienst. Im Radio sagte Joseph Goebbels: ‚Wir legen es in die Hand der deutschen Wehrmacht…!‘ Sie hatten Russland angegriffen! Und ich dachte ‚So ein Wahnsinn!‘. Später traf ich einen bekannten Forsbacher Nazi. Ich sagte: ‚Herr …, was sagen Sie denn jetzt?‘ ‚Och‘, meinte er, ‚der Polenkrieg war in gut sechs Wochen zu Ende. In einem Vierteljahr ist das auch vorbei.‘ Ich dachte ‚Du Idiot, so eine große Front…, ist doch unmöglich!‘ Und an dem Tag, an dem der Ami in Forsbach einmarschierte, treffe ich doch an der gleichen Stelle Herrn … wieder. ‚Ja‘, sagte er, ‚das hätte ich nicht erwartet!'“

Selbst an diesem Tag, als die amerikanischen Soldaten nach Forsbach kamen, trug Paula Lohmar die Post aus. „Ich habe gedacht ‚Mein Gott, die Leute wollen die Post doch noch haben’…“ Auch an ein dunkles Kapitel in Forsbachs Geschichte in den letzten Kriegstagen weiß sich die Postangestellte zu erinnern, an die standrechtliche Erschießung von jungen Fahnenflüchtigen: „Hier in Forsbach wohnten die Herren Obersten, die die Todesurteile unterschrieben haben, und in Volberg stand eine alte Buche, die voller Einschüsse war…“

Literatur:

  • Schriftenreihe Geschichtsverein Rösrath, Bd. 26, Forsbach, Rösrath 1994
  • Geschichtsverein Rösrath, Schriftenreihe Bd. 47, „denk mal: 112 denkmalwürdige Objekte im Stadtgebiet Rösrath“, Rösrath 2017
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